Home Tagebuch Fotos

Impressum

Warum wir kein Lotto spielen

Kanab, Utah, 24. September 2015


Das einzige Mal, dass wir Lotto gespielt haben, haben wir drei Kästen oder wie auch immer das heißt gespielt. Wir haben nicht eine richtige Zahl gehabt. Nicht eine. Das ist auch selten und hat mir zu verstehen gegeben, dass Lotto vielleicht nicht für uns ist. Jedenfalls haben wir seitdem nie wieder gespielt.


Ich habe andauernd Glück bei allem Möglichen, nur Lotterien sind nicht so mein Ding. Und so stehen und sitzen wir mal in dem kleinen Raum des BLM in Kanab. Der Raum ist eigentlich gar nicht klein aber wenn zwischen 60 und 110 Leute drin sind schon. Alle hier wollen das Gleiche, ein Permit für die Wanderung zur „Wave“, wovon pro Tag vor Ort nur zehn vergeben werden. Weitere zehn werden Online über Monate im Voraus vergeben, nicht unser Ding. Unser Ding hingegen, hier jeden Morgen um kurz vor 9.00Uhr aufschlagen, Kaffee in der Hand, zusehen, wie Holzkugeln in ein Lotto-Rad gefüllt werden, durcheinander gewirbelt und gezogen werden. Unsere ist nicht dabei. Gestern nicht, heute nicht morgen nicht. Es will nicht sein. Das fatale, die Ranger, die die Ziehung veranstalten, machen das jeden Tag und erzählen jeden Tag die gleichen Pointen, die gleichen Bemerkungen. Wir wissen wann sie welchen Witz machen, um die Spannung der Teilnehmer zu lockern und murmeln die Pointe vorweg. Wir kommen neun Mal hier her. Wir erkennen viele Teilnehmer wieder. Sie kommen einige Tage, dann sind sie weg, andere kommen, wir hingegen sind immer da. Die Neulinge lachen höflich über die Witze und hoffen vielleicht ihre Chancen, indem sie sich einschleimen, zu erhöhen aber es hilft nicht. Wir lachen längst nicht mehr. Die Ranger schauen uns mitleidig an, fragen, ob sie nicht ein Bett für uns aufstellen sollen, dann könnten wir gleich da bleiben.


Kanab hat für uns ansonsten nicht mehr viel zu bieten. Der Grand Canyon und Zion National Park sind in Schlagweite, wenn man aber jeden Morgen wieder an der Lotterie teilnehmen will, bietet sich die Fahrt dorthin nicht unbedingt an. Nach der Verlosung frühstücken wir im Park, hängen in der Bücherei im Wifi ab, ziehen uns auf unseren sehr schönen Campingplatz zurück, werfen Frisbee, Susan spielt Gitarre, liest „Herr Lehmann“ vor, kochen, ins Bett, Sterne gucken, Kojoten heulen, morgen von vorne.


Das Problem, nicht nur Glück für das Permit musst Du haben, sondern auch mit dem Wetter. Ich meine nicht die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die den Fotomoment versüßen, ich meine Wetter, das es erlaubt zur Wave zu fahren oder Wetter, das es nicht ermöglicht. Utah ist größtenteils Wüste und größtenteils Flash Flood Gebiet. Es regnet hier durchaus und dank des nicht existierenden Klimawandels überaus heftig, nur gibt es nichts, was die Wassermassen stoppen würde.


2009 wollte ich immer mal ein Erdbeben miterleben. Nicht unbedingt im vierten Stock eines Gebäudes in Zentralchile und es musste auch nicht unbedingt das fünftstärkste bis dahin gemessene sein aber auf freiem Feld die Erde bebend zu erleben, das wäre doch was. Ich bekam mein Beben, nur anders. Jetzt in Utah wollten Susan und ich gerne mal eine Flash Flood sehen. Ganz unschuldig. Aus sicherer Entfernung. Wir hatten einfach keine genaue Vorstellung, wie das aussehen würde.


Einige Tage später sind 19 Menschen aus der Gegend tot, davon sieben, eine Canyoneering-Gruppe, im Zion National Park. Wir sind aus dem Park geflohen, nachdem ein Hurrikane unser Zelt zerpflückt und anschließender Monsun alles überschwemmt hat. Wir verfolgen das Wetter die nächsten zwei Tage im Motel, wo unsere Sachen trocknen. Hatte ich erwähnt, dass ich auch gerne mal einen aktiven Vulkan sehen würde? Also so richtig mit Lava, Rauch, und dem ganzen Programm? Vielleicht sollte ich das nicht so laut sagen. Ich bekomme ja scheinbar was ich will.


Das Fernsehprogramm wird von Notfallwarnungen und -Meldungen unterbrochen. Das ist gut, hilft aber nicht, wenn Du in der Wildnis bist. Kein Handyempfang und keine Ahnung, was etliche Meilen weiter passiert. Die Flash Floods entwickeln ihre Wirkung nicht lokal, sondern durch den Zustrom weit entfernter Gebiete. Der Zion Nationalpark liegt am Ende einer Kontinentaldrift, die wie eine Wasserrutsche alles Wasser aus Osten nach Westen abfließen lässt. Der Wüstenboden ist an der Oberfläche hart und die Vegetation spärlich. Nichts bremst die Wassermassen auf dem Weg nach Westen.


Im Zion NP verlaufen aderartige Slot Canyons, teilweise so schmal, dass man sich durch sie hindurchzwängen muss, dafür aber bis zu 200 Meter tief. Die Gegend um den Zion NP ist der Abfluss der Wasserrutsche. Hier kommt alles zusammen.  Das Wasser hat hier irre Farben und Formen zum Vorschein gemeißelt. Als wir einige Tage später in den „Narrows“ im unschuldig getauften Virgin River flussaufwärts wandern, umfließt unsere Füße ein Fluss, der an normalen Tagen wie heute mit 65 „cubic feet per second“ fließt. Das ist nicht so wichtig, wie die Spitzenmessung vor zwei Tagen als eine Flashflood hier mit 2.600 cf/s durchrauschte.


Im Canyon stehend verstehen wir, wie es hier zugehen muss, wenn der Fluss innerhalb von 15 Minuten um den Faktor 40 anschwillt. Der Fluss ist nach der Flash Flood immer noch trüb und hat allerhand Kleinholz angeschwemmt. Sieht eigentlich nicht schlimm aus. Wenn man allerdings bedenkt, dass das Kleinholz mal ganze Bäume waren, bekommt man eine Vorstellung davon, wie die Canyons zu einer riesigen Waschmaschine werden, die gnadenlos alles mitreißt und zermalmt. Einmal in den Canyons gibt es keinen schnellen Ausweg. Du kannst die Wände nicht hoch klettern, du kannst nicht weglaufen.


Einige Tage später wandern wir durch Utahs einzigen U-Bahntunnel. Der „Subways“ getaufte Abschnitt der „Lower left fork“ ist einer der besten Ausflüge, die wir je gemacht haben und ist eine Canyoneering Route. Der Unterschied zum Wandern: Es gibt keinen markierten Trail, man findet seinen eigenen Weg, man muss klettern, schwimmen und man braucht ein Permit. Das Permit haben wir bei einer Chance von 1:2 nach fünf Versuchen dann endlich bekommen, kein Kommentar.


Wir steigen 200 Meter eine Schlucht hinab und kraxeln einen Fluss stromaufwärts. Einen sehr kleinen Fluss. Einen Bach. Wobei wir an den Bäumen, in deren Geäst etliches hängengeblieben ist, erkennen können, dass die Flut mir bis zum Hals gegangen wäre. Es sind nicht die allerbesten Vorzeichen unter denen wir losgegangen sind. Das Flash Flood Risiko heute ist Stufe zwei von vier, also möglich. Wobei auch Stufe eins nicht bedeutet, dass es unmöglich ist. Während wir kraxeln haben wir immer ein Auge auf den Himmel und eines auf den Fluss. Wird das sehr klare Wasser milchig, werden Dinge mitgeschwemmt? Die Nachrichten der letzten Tage haben das gemacht, was „Open Water“ für Taucher und „Der weiße Hai“ für Schwimmer im offenen Meer gemacht hat. Man will nicht wirklich dran denken, tut es aber doch permanent. Lächeln…


Wir klettern betont entspannt rote, in der Sonne glitzernde Wasserfälle hoch und dann stehen wir vor dem U-Bahntunnel, der in einer Linkskurve ins Licht entschwindet. Es ist kein richtiger Tunnel, weil es eine Schlucht ist, die nach oben offen ist aber es sieht tatsächlich aus, wie ein U-Bahntunnel, sogar die bunten Graffiti sind auf natürliche Weise vorhanden. Unfassbar. Wie es hier wohl aussieht, wenn ein Zug einfährt, also eine Flash Flood durchrauscht. Blöder Gedanke. Lieber wieder auf die Schönheit konzentrieren. Was macht der Fluss? Alles klar.


Außer uns sind noch zwei Fotografen und ihre gelangweilten Freudinnen hier. Aber wegen ihrem wertvollen Equipment werden sie nicht tun, was wir gleich machen. Ihre Kamera samt randvollem Rucksack mit Wechsel-Objektiven ist zu wertvoll und empfindlich um hier weiter zu klettern. Dinge sollten einen nie davon abhalten, Dinge zu tun. Unsere Kamera verschwindet zum Schutz gegen das Wasser in einem Zip-Lock Beutel, Klamotten ausgezogen und bevor ich meine Hose runter habe, ist Susan schon in den ersten, sehr kalten Pool gesprungen. Wer hinter der Subway weiter will, muss durchs kalte, immer noch absolut klare Wasser schwimmen. Und es lohnt sich. Nach ein paar Pools kommen wir zu einem Wasserfall, der in eine kleine Höhle strömt. Hinter dem Wasserfall kann ich hindurchgehen und duschen. Die Subways und das was danach kommt, werden zu einem definierenden Moment dieser Reise. Wenn Worte und Bilder reichen würden das zu beschreiben, warst Du nicht wo wir waren.


Als wir mit unserem neunten und letzten Versuch für das Wave Permit scheitern, lasse ich mich mit nur wenig Wiederstand dazu überreden, zum Frisör zu gehen. Ich bin, wie du auf den meisten Bildern sehen kannst, nicht allzu gerne dort. Mormonen-Tim aber schneidet schnell, akurat und das habe ich so am liebsten. Um den Small-Talk kannst Du bei einem amerikanischen Frisör niemals drum rum, also los. Ich jammere ihm die Ohren voll, dass wir nach neun Versuchen immer noch nicht zur Wave dürfen und er sagt das, was man von einem Frisör erwarten darf und liefert ein bisschen moralische Unterstützung.


Die Wave sei völlig überschätzt! Klar, danke für die Worte. Fahrt doch zu den White Pockets. Die werden im nächsten Jahr ebenfalls nicht mehr frei zugänglich sein, sind geologisch das Gleiche wie die Wave, nur viel, viel größer und wenn Du ihn fragst, viel besser.


Was in seiner Beschreibung einfach klang, wird zur Herausforderung für unseren Subaru. Was der Kleine hier mal wieder an Leistung abliefert wird klar, als wir nach 2 Stunden übelster Sand- und Schotterpiste auf dem Parkplatz vor den White Pockets stehen. Der Forester wirkt wie ein Spielzeugauto zwischen den Jeep Rubicon, Toyota Tacoma und Ford F 350 der Touranbieter, die dich hier herfahren. Das Gebiet ist so groß, dass wir kaum einen anderen Menschen sehen aber das ist nicht so wichtig. Die Steine hier machen wirklich die Welle. Für mich sehen sie aus wie Muskelfleisch, das von Sehnen durchzogen und plastiniert ist. Dazu gibt es versteinerte Elefantenhaut oder Schildkrötenpanzer und dann diese Features, die aussehen wie Schneckenhäuser, Wellen, Schachbretter und was auch immer Deine Phantasie noch so hervorbringt.

Wir können nicht ganz so lange bleiben, wie wir wollen, denn, zunächst am Horizont, dann näherkommend, konzentrieren sich Gewitterwolken. Sind wir bei trockenen Verhältnissen gerade noch und irgendwie hierher gekommen, haben wir bei Regen keine Chance hier heil rauszukommen. Nach zwei Stunden müssen wir also wieder los, obwohl es hier genug für einen ganzen Tag zu entdecken gäbe. Susan ist sich einig: Wer braucht schon die Wave, wenn es die White Pockets gibt? Ich bin mir da nicht so sicher. Die White Pockets sind phantastisch aber die Wave… wie auch immer, wir haben einen Plan B.


Nächster Stopp Las Vegas. Ich habe keine Ahnung, was wir da wollen.


Datenschutzerklärung

© 2014 Traumweh – Susan Döhring und Tim Wohlfeil