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Rim 2 Rim 2 Rim

Grand Canyon National Park, Arizona, 11. September 2015


„Man, how far is it to “1.5 mile rest house”?“

Alter, du Vogel, das Ding ist nach der Distanz benannt, die es vom Startpunkt Deiner Wanderung entfernt ist, also was meinst Du?

Es ist nicht die beste Zeit, mir dumme Fragen zu stellen, als ich verschwitzt, nach Luft ringend und unter der Last meines Rucksacks, mit schmerzenden Schultern, Hüften die mich killen und Füßen, für die mir das Adjektiv fehlt, den Nord-Rand des Grand Canyons ersteige. In diesen Momenten geht mir die amerikanische Freundlichkeit völlig verloren. Verständnis ist aus, ab jetzt gibt es Konsequenzen. Ich blitze ihn an und ein „guess what it’s named after…?“ ist das einzige was ich hervorzischen kann. Es hätte schlimmer für ihn kommen können, ich wäre auch bereit, ihm den Kopf abzureißen. Nachdem meine Sinne ihren moralischen Norden nach einem Moment wiedergefunden haben, tut er mir ein bisschen Leid, wie er in seinen nagelneuen Premium Outdoor-Klamotten, an denen praktisch noch das Preisschild baumelt, erstaunt und verständnislos dasteht aber jetzt umkehren und es ihm sagen? Ich geh hier keinen Schritt zurück. Ich kenne nur eine Richtung.


Unter anderen Umständen läge mir ein Lächeln näher und eine etwas redseligere und weniger patzige Antwort hätte mir sicher auch besser gestanden aber im Moment kann ich nicht anders. Seit Stunden stelle ich mir vor, was wir alles kaufen werden, wenn wir oben sind. Bier, Chips, Schokolade, Süßigkeiten, Eis, Pesto, Pasta und genau das wird es dann auch einige Stunden später. Als wir oben sind. Als wir es geschafft haben. Nachdem das Zelt steht. Die geschundenen Körper geduscht sind. Nahrung ist einer mein stärkster Antrieb wenn wir wandern und meine Gedanken kreisen andauernd darum. Nahrung und Bier. Chips und Eis. Irgendwas Kühles, irgendwas, was nicht mit 40 Grad im Schatten auf uns niederbrät.



















2009 war ich schon mal unten, im Zuge eines Ein-Tages-Gewaltmarsches bin ich „mal kurz“ in diese Schlucht abgestiegen, um eine bessere Idee davon zu bekommen, was so Grand an diesem Canyon ist. Als wir im Juni dieses Jahres am Süd-Rand waren, war es zu heiß. Unten in der Schlucht sollte es 45 Grad und mehr haben, im Schatten. Ein bisschen viel um ernsthaft wandern zu gehen, vor allem, weil es kaum Schatten gibt. Die Ranger hatten uns damals von der Durchwanderung abgeraten und weil wir Zeit haben, sind wir eben wieder hier. Diesmal am Nord-Ufer. Damals habe ich launisch gepostet, dass ich „da irgendwann noch mal durch müsste“ und hier sind wir nun. „Grand Canyon thru hike“ lautet das Vorhaben und sieht folgendermaßen aus: Wir nehmen nur meinen großen Rucksack, füllen ihn mit Zelt, Isomatten, Schlafsäcken, Kochgeschirr, Brenner und Benzin, sehr wenigen Klamotten und sehr viel Wasser. Macht nachgewogene 20 Kilo. Susan nimmt nochmal Wasser, Essen, Maskottchen und den Kamera-Klotz – auf geht’s.


Wanderungen von einem der Ränder des Grand Canyon bis hinunter an den Colorado führen über 1.700, bzw. 1.200 Höhenmeter, durch fünf Klimazonen und 1,7 Milliarden Jahre Erdgeschichte. Wir beginnen am Nordufer auf knapp 3.000 Metern Höhe und wandern nach Süden, dann müssen wir dort nur 1.200 Höhenmeter aufsteigen und können uns erstmal locker von der Schwerkraft ins Tal tragen lassen. Doof nur, dass die Schwerkraft von Oberschenkeln und Knien gebremst werden muss, was das Ganze dann auch nicht so flockig wie gedacht werden lässt. Wir beginnen unseren Abstieg um sieben Uhr morgens und das ist spät, sollte aber OK sein. Schwer vorstellbar, dass hieraus ein heißer Tag werden sollte aber es wurde heiß und zwar richtig. Statt 45 im Juni haben wir jetzt nur 40 Grad im Tal aber bis hierhin müssen erstmal 1.700 Höhenmeter vernichtet werden. Das Problem an der Wanderung ist die Wasserversorgung und die hat mit berstenden Pipelines und sich täglich ändernden Zuständen so ihre Tücken. Bei 40 Grad verlangt der Körper unter Belastung mindestens nach einem Liter Wasser auf vier Kilometern und das will getragen werden. Als Warnung gilt der Tod einer Mitte Zwanzigjährigen, die den Boston Marathon in unter vier Stunden gelaufen ist, im Grand Canyon aber an Überanstrengung und Dehydrierung gestorben ist. Jedes Jahr müssen 350 Menschen aus dem Canyon gerettet werden. Wir wissen, dass wir heute ohne Wasserversorgung auf dem Trail auskommen müssen und haben für den ersten 25 Kilometer-Abschnitt deshalb sechseinhalb Liter/Kilo geplant. Für Wanderungen im Canyon bleiben aufgrund der Hitze nur zwei Zeitfenster. Vor 10 Uhr Morgens und nach 16 Uhr. Dann ist es zwar immer noch sehr heiß aber zumindest nimmt der Schatten zu. Ab 20.00 Uhr ist es Nacht, Klapperschlangen und Taranteln nicht mehr wirklich zu erkennen.


Der erste Tag läuft gut. Ich habe zwar die falschen Socken an und werde mit fiesen Blasen bezahlen aber der Rucksack passt so gut wie früher und recht fit fühlt sich das auch an. Der Vormittag vergeht schnell. Wir machen Mittagspause an den „Ribbon Falls“, die kenne ich noch aus 2009. Sie sind der „point of no return“ für Tageswanderer. Hierhin und nicht weiter sollte man an einem Tag gehen, will man den Aufstieg zurück noch schaffen. Ribbon Falls ist eine Oase in dieser gigantischen Steinwüste. Hier tropft Wasser in zwei Stufen aus 40 Metern herab, kühlt einen kleinen Tal-Kessel und lässt alles herrlich frisch und grün werden. Wir duschen unter dieser besten Dusche der Welt, Susan macht einen Mittagsschlaf und dann geht es weiter. Wir müssen heute noch knapp 12 Kilometer schaffen, jetzt zwar kaum noch Höhenmeter aber eben durch die Wüste. Und das Stück zieht sich. Irgendwie ist die Luft raus oder besser, die Luft ist heiß. Wir beginnen die Strapazen der Durchwanderung zu verstehen. Wir treffen ein älteres Paar, sechzig plus, der Mann leidet stark und offensichtlich unter der Hitze. Susan teilt eines ihrer Elektrolyt-Päckchen mit ihm. Wenn wir in Page, Arizona sind, sollen wir bei ihm auf einen Kaffee und eine kühle Dusche vorbeikommen. Wir müssen weiter, die Wasserknappheit im Hinterkopf, zumal wir schon zwei Kaliforniern einen halben Liter Wasser abgegeben haben. Ihnen war die Wassersituation auf dem Trail erst bewusst geworden, als ihre Kehlen sehr trocken und die Körper sehr ausgezehrt waren. Die letzten Meilen ziehen sich, es wird im Laufe der Stunden weniger heiß aber nicht kühl. Wir erreichen den Bright Angel Campground kurz vor der Dunkelheit, bauen das Zelt auf, Kochen, stechen Blasen auf, verstauen alles was riecht oder Nahrung ist in einem ratten-sicheren Container, fallen ins Bett und starren viel zu kurz in den unfassbar sternreichen Arizona Nachthimmel, mitten in die Milchstraße, dann überrennt uns die Erschöpfung.


4.45 Uhr nächster Morgen, Aufstehen, Zelt abbauen, Sachen packen, Schuhe anziehen, Schmerzen durchbeißen, los humpeln, gefrühstückt wird unterwegs im Gehen. Wir müssen die „kühlen“ Stunden nutzen um Meilen zu machen. Wir überqueren den Colorado und werden heute an genügend Stationen Wasser auffüllen können, daher ist der Rucksack leichter, drückt aber nach einigen Stunden empfindlich in die gleichen Stellen wie gestern. Jeder der mal in den Bergen gewandert ist, weiß, dass Höhenangaben immer netto sind und nicht die Höhenmeter beinhalten, die man wieder vernichtet und die tun heute besonders weh. Susans Oberschenkel und meine Füße machen heute überdeutlich, dass es gestern vielleicht ein bisschen viel war. Aber heute müssen wir hauptsächlich bergauf und das fühlt sich auch erstmal richtig gut an. Jedes Mal erstaunlich, wie viel Energie der Körper durch Schlaf zurückgewinnt.


Bergauf bin ich ein Kettenhund. Trotz des Gewichts meines Rucksacks, komme ich sehr gut zurecht. Bergauf ist auch auf dem Mountainbike meine Disziplin und wenn ich dann auf dem Trail jemanden vor mir sehe, muss ich ihn ein- und überholen. Ich feuere mich selber mit allerhand aggressiven Gedanken an, meine schmerzenden Füße sind das Salz in der Wunde und stellte er keine dummen Fragen, ich würde ihn überholen, ein inneres Blumenpflücken veranstalten und alles wäre gut. Er stellt aber diese Frage und die bringt den Kessel, der nach fünf Stunden Dauerfeuer gehörig unter Druck steht, zum Platzen.


Das ist aber nichts, was sich nicht mit ein paar Bier, Eis, Chips und Süßigkeiten wieder flicken lässt und so sitzen wir einige Stunden später auf dem Campground am Südufer des Grand Canyon und sind sehr stolz auf uns. Wir sind durch den Grand Canyon gewandert. Zweierlei Geiz lässt uns aber eine Überlegung in die Tat umsetzen. Geiz, denn der 350 Kilometer lange Rücktransport ans Nordufer würde 170 Dollar kosten und Ehrgeiz, denn was wir an zwei Tagen gesehen haben, war so gigantisch, wunderschön und so einmalig, dass wir es gleich noch mal machen müssen. Einige Dinge sind so groß, dass man sie zwei Mal machen muss, um sie begreifen zu können. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir noch mal reisen. Es ist jedenfalls der Grund, warum Susan und ich „rim to rim to rim“ gehen werden.


Natürlich kann man nicht einfach in den Canyon absteigen und schlafen wo man will, man braucht ein Permit des Nationalparks und die sind streng limitiert. Unser Glück aber begleitet uns auch auf dieser Reise und so ist es nicht das erste Mal, dass wir alles so arrangieren können, wie wir uns das vorstellen. Und wir stellen uns vor, an Tag drei über 25 Kilometer zu wandern, damit wir am vierten Tag strategisch klug vor dem Aufstieg am Nordufer schlafen und nur noch den Aufstieg, nicht aber die Ebene durchwandern müssen.


Der Wecker klingelt um fünf und mit einem Lächeln humpeln wir unter Schmerzen zum Trailhead, an dem die Sonne gerade aufgeht und mit dem Grand Canyon macht, weswegen es Postkarten gibt und weswegen jeder Amerikaner einmal in seinem Leben hier gewesen sein sollte.

Der Morgen gehört dem Abstieg. Die Luft wird dicker und heißer. Wir verchillen die Mittagsstunden an der Phantom Ranch, der „Lodge der reichen Leute“. Niemand muss sich die Strapazen einer Wanderung hier runter und wieder hoch antun. Man kann sich und/oder sein Gepäck auch von einem Muli nach unten transportieren lassen, wo man bei drei Mahlzeiten am Tag klimatisiert und mit Dusche stilvoll mit Wein dinieren und sich geschminkt aber verständnislos in den Weg von Wanderern stellen kann. Ich muss immer noch an mir arbeiten, zu akzeptieren, dass andere Reisestile OK sind und bedeuten, dass wir dadurch so reisen können, wie wir uns das vorstellen, nämlich meistens ohne die Anderen.


Die Meilen ziehen vorbei, der Tag sich speziell zum Nachmittag in die Länge. Die Füße leider noch nicht taub, die Beine lahm und der Rücken verspannt, geht auch die Aufmerksamkeit verloren. Susan trifft kurz vor unserem Camp in der vorangeschrittenen Dämmerung auf eine Klapperschlange, die ihr den Weg versperrt. Ich bin da vor wenigen Minuten auch durch gekommen, habe sie aber nicht gesehen. Meine Augen fokussieren einen Punkt in der Zukunft, an dem unser Zelt steht, es Nudeln mit Pesto gibt und ich auf meiner Isomatte in die Sterne starre, bevor ich einschlafe und morgen um fünf mit der Dämmerung wieder aufstehe. 2009 habe ich in genau diesem Camp beim Wasserholen auch eine Klapperschlange getroffen, der damals, früh morgens, noch zu kalt zum Klappern war. Heute ist sie „besser drauf“ und gibt Susan lautstark zu verstehen, wer hier Recht auf dem Trail hat. Ein Bogen und einige erstaunlich schnelle Schritte lösen die Situation.

 

Heute ist wieder Kampftag. Das kürzeste Stück der Wanderung aber auch das mit Abstand steilste und sieht schon auf der topografischen Karte ekelhaft aus. Wir gehen auf eine senkrechte Wand zu und von unten gesehen kann ich mir nicht vorstellen, hier schon mal runtergekommen zu sein. Eine über einen Kilometer hohe massive Mauer aus Stein will in einem Wettlauf gegen die Sonne und alle anderen Wanderer bezwungen werden. So sehe ich das zumindest. Es wird Zeit, sich mit ein paar ablenkenden Gedanken in den Tag zu pushen, die Schmerzen jedenfalls sind ebenfalls Frühaufsteher. Susan schaltet auf „Panzermodus“ und so roboten wir, jeder in seinem Tempo und seiner Gedankenwelt, die Mauer hoch. Susan spricht in ihren Pausen mit Leuten, ich sehe nur Gegner, die vernichtet oder zumindest überholt werden müssen.


Eine Gruppe Jungs in irgendeine extreme Richtung religiös angehauchter Mittzwanziger überholt mich in Klamotten mit Hosenträgern aus dem 19. Jahrhundert und Tagesrucksäcken.

„…Und wenn es mal so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.“ Und weil ich meinen iPod aus dem 21. Jahrhundert dabei habe, müssen mich die Chemical Brothers mal kurz an die Hand nehmen und mich mit vermeintlich falschem Ehrgeiz aber der Wut der Entschlossenen, an der Gruppe vorbei und die letzten zwei Meilen vor die Gruppe treiben. Noch bevor sie oben ankommen, habe ich die Schuhe gewechselt, eineinhalb Liter getrunken, fünf Minuten „ah“ und „oh“ gestöhnt, während ich die unfassbar bequemen Sitze im Subaru genieße. Dann fahre ich los und bekomme auf dem Campground am Nord-Rand, der wegen Wochenende eigentlich längst voll ist, unter den unwahrscheinlichsten Bedingungen und weil die Rangerin mich mag, noch einen Premium-Platz für unser Zelt. Susan am Trailhead eingesammelt, Duschen, Chili, Nachos, Bier und Sonnenuntergang später, ist die Welt und ich mit mir im reinen.


Amerikaner sind oftmals recht schnell mit Superlativen, dieser Canyon aber ist wahrlich Grand. Er ist zurecht der Grand Canyon.


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