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Den halben DOM für mich allein

Yosemite National Park, Kalifornien, 13. Juli 2015


Das letzte positive Erlebnis auf dem DOM hatte ich mit 14, glaube ich. Autoscooter den ganzen Abend lang und danach gefühlt eine Stunde im Shaker. Mit 14 weiß man seine Abende kaum besser zu verbringen. Natürlich gab es auch an diesem Abend Stress, weil jemand sich schief angeguckt fühlte oder irgendwie sowas und ich glaube, das war der Moment, in dem ich beschloss, dass der DOM nur Spaß macht, wenn die ganzen halbstarken Goldkettchen- und Oberlippenbärtchenträger nicht da sind - man den DOM also für sich alleine hat. Das war natürlich nie der Fall und die Personen, die sich auf dem DOM rumdrücken machen irgendwie auch einen Teil seines Reizes aus.

 

Heute aber soll ich ihn für mich alleine haben. Es ist zwar nur der Half Dome aber der reizt mich viel mehr als der DOM in Hamburg, den ich nur noch einmal pro Jahr für eine Tüte Schmalzgebäck aufsuche. Es ist Mitternacht als Susan mich am Trailhead absetzt, noch knapp sechs Stunden bis zum Sonnenaufgang, 25 Kilometer und 1.500 Höhenmeter vor mir. Es ist stockfinster, nur die drei LED unserer Stirnlampe sorgen für einen fahlen Lichtpunkt in der Nacht. Die Wolkendecke ist geschlossen, kein Mond, keine Sterne und ich beginne meinen Aufstieg in einem engen Tal.


Wir waren gestern schon hier, daher weiß ich, dass hier zwei Wasserfälle recht pittoresk ins Tal donnern. Zu sehen ist davon nichts, auch wenn ich uns nur 20 Meter trennen. Ich kann spüren, wie die Wassermassen dumpf aufschlagen und das Tal mit feuchten Nebel herunterkühlen. Im Licht der Stirnlampe sieht der Wassernebel aus wie Schnee. Der treppenartige Aufstieg in diesem Teil ist feucht, rutschig und laut. Nach den Wasserfällen wird es still. Sehr still, ein bisschen zu still für meinen Geschmack. Neben dem Pumpen meiner Lunge ist nichts zu hören, kein Rascheln, kein Wind, kein Tier. Ich habe das Tal verlassen und habe eine Hochebene erreicht. Wilder Wald verwächst hier mit den Berghängen und fühle ich mich im Wald generell sehr wohl, suggeriert er jetzt aber eher etwas Bedrohliches. Umgeknickte Bäume, Reste von Waldbränden und PKW-große Findlinge zaubern im begrenzten Lichtschein eine unwirkliche, bedrohliche Landschaft. Es ist der falsche Moment um sich an das „Blair Witch Project“ zu erinnern. Ein schlechter Gedanke, ein ganz schlechter.

Verdammt, in diesem Wald könnte das gedreht worden sein. Genau hier. Scheiße, hat sich da was bewegt? Was Großes? Stehenbleiben. Umschauen. Der Lichtkegel rast über die unwirkliche Landschaft. Weiter als 15 Meter kann ich nicht sehen, das Licht wird von der Nacht absorbiert wie in einem schwarzen Loch. Ich gönne mir ein paar Minuten helleres Licht um zumindest ein bisschen mehr zu sehen. Viel ist es nicht. Wie lange die Batterien wohl durchhalten? Wenn sie leer sind, kann ich hier bis zum Tagesanbruch warten. Ohne die Leuchte ist die Hand vor Augen nicht zu erkennen.

Es sind nicht die besten Gedanken, die mich die meiste Zeit des Aufstieges begleiten. Hier im Yosemite National Park gibt es Bären, wir haben selber schon einen gesehen und das hier sieht alles nach ihrem Habitat aus. Ich kann nur hoffen, dass die Pelzviecher ausgeschlafen sind und mich wahrnehmen, bevor ich in sie hineinlaufe. So wenig wie ich sehe, könnte ich zwei Meter an ihnen vorbeilaufen und würde nichts mitkriegen.


In Bolivien haben wir im Dschungel eine Nachtwanderung zusammen mit einem Ranger gemacht. Er hat andauernd irgendwo hingezeigt oder geleuchtet und überall waren da Viecher, die giftig, gefährlich und ohne den Ranger beinahe unsichtbar waren. Jedenfalls war der Dschungel voll davon. Wenn hier auch nur ein Bruchteil davon unterwegs sein sollte…


















Jemand hat auf einer Weggabelung mit Stöckern eine Nachricht gelegt: „Meet at River“. Gruselig, mal schauen, wer oder was mich am Fluss erwartet. Tatsächlich ist niemand da und auch als ich zwei Stunden später auf dem Rücken des Half Domes angekommen bin, ist da noch niemand. Es ist vier Uhr morgens, noch eine Stunde bis ich den finalen Aufstieg in Angriff nehmen kann für den ich zumindest auf ein bisschen Dämmerungslicht angewiesen bin. Der Bergrücken liegt schon über der Baumgrenze und hier weht ein kalter Wind. Ich verkrieche mich in eine Felspalte, ziehe einen trockenen Base-layer an und starre auf die schwarze Wand vor mir.


Der Grund warum Susan heute nicht dabei ist, sind die letzten 150 Meter der Wanderung. Hier wird nicht mehr Treppen gestiegen, steil bergauf gewandert oder ein bisschen balanciert. Die letzten 150 Meter gehen mit bis zu 100% Steigung an zwei Drahtseilen aufwärts. Links und rechts gibt es keinen Halt, nur nackten, rutschigen Fels und dann einige hundert Meter tiefer den Aufprall. Wer sich nicht ganz sicher ist ob er Höhenangst hat, wird es hier herausfinden.


Langsam kommt Leben in den Fels, die Dämmerung lässt erkennen, wo und wie es langgehen wird und neben mir sind noch zwei weitere Wanderer angekommen. Gemeinsam machen wir uns an den Aufstieg. Die ersten Schritte braucht es die Seile nicht unbedingt aber ziemlich bald ziehen wir uns nur noch an ihnen hoch. Die Füße verkeilen sich in Felsspalten und auf den Querstreben, die zwischen den Seilen für Halt sorgen. Das Mädchen hinter mir kotzt sich vor Anspannung und Anstrengung die Seele aus dem Leib, klettert aber weiter, das nenne ich Sportsgeist.

Von unten sah das letzte Stück ganz oben so aus, als müsste man überkopf klettern. Tatsächlich ist das natürlich nicht der Fall und es gibt auch auf den letzten Metern viel zu lachen und zu kotzen. Auch wenn wir oben zu dritt sind, kommt es mir vor, als hätte ich den „Half Dome“ für mich alleine. Die Sonne geht auf und das Yosemite Valley 1.500 Meter unter uns nimmt langsam Farbe an. Die Euphorie über den Aufstieg, die Anstrengung und der Umstand, dass ich seit 24 Stunden nicht geschlafen habe, färben sicherlich meine Wahrnehmung aber fuck off ist das einmalig.


Drei Stunden später bin ich auf dem Weg nach unten. Der Zauber der frühen Stunde ist verflogen, das Licht neutral und der Blick wieder objektiver. Erstaunlich, beim Abstieg kam ich nie auf die Idee, Unbehagen zu empfinden. Hier war nichts bedrohlich oder ungemütlich. Der Wald die Ebene, die Felsen, bei Licht betrachtet war hier alles ziemlich idyllisch was mich in meiner Auffassung bestätigt: Wer wenig sieht oder nicht besonders hell im oder am Kopf ist, hat schnell Angst und Angst ist ein schlechter Begleiter.


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